{"id":501,"date":"2018-05-14T20:06:16","date_gmt":"2018-05-14T20:06:16","guid":{"rendered":"http:\/\/empirische-designforschung.de\/?p=501"},"modified":"2018-05-14T20:06:16","modified_gmt":"2018-05-14T20:06:16","slug":"stress-und-design","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gesunde-gestaltung.de\/en_us\/uncategorized\/stress-und-design\/","title":{"rendered":"Stress und Design"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt eine Reihe von Umweltfaktoren, die sich positiv wie auch negativ auf die Gesundheit auswirken k\u00f6nnen. W\u00e4hrend Rauchverbote in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen und Altersbeschr\u00e4nkungen bei alkoholischen Getr\u00e4nken f\u00fcr die Risiken mit gesundheitsgef\u00e4hrdenden Stoffen sensibilisieren, bleibt Stress eine weitgehend untersch\u00e4tzte Gr\u00f6\u00dfe in der gesundheitlichen Pr\u00e4vention. Stress &#8211; besonders dauerhafter Stress &#8211; f\u00f6rdert sogenannte Zivilisationskrankheiten wie Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und Schlaganfall. Der Anstieg an Kortison vermehrt die Einlagerung von sch\u00e4dlichem viszeralen Fett (das Bauchfett, das die inneren Organe umgibt). Eine Vielzahl von k\u00f6rperlichen wie auch psychischen Beschwerden wird direkt und indirekt mit Stress assoziiert. Gestaltung kann hierbei eine bedeutsame Rolle spielen Stress zu senken &#8211; oder aber auch zu steigern. Ein genauerer Blick lohnt sich hierbei:<\/p>\n<p><strong>Gestaltung von Stressoren<\/strong><br \/>\nNur wenige Produkte und Systeme lassen sich per se als stressf\u00f6rdernde Objekte bezeichnen. Selbst ein Wecker mit nervigem Piepston kann das beruhigende Gef\u00fchl am Abend ausl\u00f6sen, sicherlich p\u00fcnklich aufzuwachen. Ebenso bietet das Smartphone in vielen F\u00e4llen die Gewissheit erreichbar zu sein oder im Bedarfsfall kommunizieren zu k\u00f6nnen. Und dennoch k\u00f6nnen diese Technologien durch ihre funktionale und konzeptionelle Beschaffenheit Stress ausl\u00f6sen und verst\u00e4rken. Entscheidend ist hierbei nicht nur die Funktionalit\u00e4t, sondern oft die Verwendung dieser. Dabei lassen sich nat\u00fcrlich beide Aspekte nicht diskret von einander trennen. Erlaubt beispielsweise das Smartphone durch Push-Nachrichten und andere Funktionen einen st\u00e4ndigen Informationsfluss &#8211; auch nicht relevanter Daten, so kann dies leicht zu einem exzessiven Smartphonegebrauch f\u00fchren. Dies gilt in besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr die zunehmende Durchl\u00e4ssigkeit der Grenzen zwischen privatem und beruflichem\u00a0Kontext. Sind meine beruflichen Mails auch nach Feierabend auf meinem Smartphone verf\u00fcgbar bzw. wird mir deren Eintreffen dann auch signalisiert, bin ich dazu geneigt<strong>,<\/strong> diese auch zu lesen. Dabei erfordert es ein hohes Ma\u00df an Selbstkontrolle\u00a0diesem Drang der Neugierde oder Unsicherheit zum Inhalt der Mail zu wiederstehen, um sie nicht zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Im Sinne einer gesundheitsf\u00f6rdernden Gestaltung sind somit Produktinnovationen immer im Hinblick auf ihre reale Nutzungsweise zu \u00fcberpr\u00fcfen. Gestaltete Artefakte\u00a0stellen immer in Anlehnung an\u00a0Gibsons Affordanzen, also Handlungsgelegenheiten dar, die dieses Handeln auch suggerieren k\u00f6nnen. Ein umfassender Blick auf m\u00f6gliche &#8222;Nebenwirkungen&#8220; sinnvoller oder hilfreicher technologischer oder konzeptioneller Entwicklungen soll dabei den Spielraum der Gestaltung nicht grunds\u00e4tzlich limitieren, sondern vielmehr Anreiz bieten Alternativen und Anpassungen der System-Einstellungen und Verwendungsweisen mitzudenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stressoren als Nebenprodukt der Gestaltung<\/strong><\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von der konkreten Funktion eines Produkts oder Systems k\u00f6nnen stressf\u00f6rdernde Nebenprodukte entstehen. Klassische Stressoren sind in dieser Hinsicht unter anderem L\u00e4rmbel\u00e4stigung, hohe visuelle Komplexit\u00e4t (etwa durch die farblichen, grafische oder allgemein formal-\u00e4sthetische Gestaltung) oder auch konzeptionelle Anforderungen an die NutzerInnen (z.B. hoher mentaler Aufwand beim Betrieb eines Produktes). Wer etwa w\u00e4hrend des lauten Betriebs eines un\u00fcbersichtlich konzipierten Ger\u00e4tes mental stark ausgelastet ist das Ger\u00e4t korrekt zu bedienen, ist langfristig verst\u00e4rkt Stress ausgesetzt. Kurzfristig ist dies durchaus unproblematisch und in manchen F\u00e4llen sogar erw\u00fcnscht. Der Pilot einer kleinen Propellermaschine kann mitunter den L\u00e4rm der Motoren als typisches \u00e4sthetisches Element des Fliegens genie\u00dfen und durch die f\u00fcr den Laien un\u00fcbersichtlich wirkenden Anzeigen kognitiv angenehm gefordert sein. In diesem Fall kann das Erlebnis dieser urspr\u00fcnglich als Stressoren bezeichneten Stimuli sogar stressreduzierend sein, indem Faszination und positive Emotionen hervorgerrufen werden. Sind die Stressoren jedoch ungewollt dauerhaft und &#8211; vor allem &#8211; nicht kontrollierbar (der Pilot kann schlie\u00dflich auch entscheiden nicht zu fliegen) dann k\u00f6nnen diese Stimuli zu einer k\u00f6rperlichen und psychischen Belastung werden. Besonders bei der Gestaltung im medizinschen Kontext ist diese Erkenntnis von gro\u00dfer Bedeutung. Stationen wie eine Intensivstation sind bedingt durch ihre funktionale Beschaffenheit umfangreich best\u00fcckt mit Ger\u00e4ten und Elementen, die als Stressoren gesehen werden k\u00f6nnen. Gestaltung kann hierbei gesundheitsf\u00f6rdernde Ma\u00dfnahmen ergreifen, indem die visuelle Komplexit\u00e4t des Raumen reduziert wird, schallabsorbierende Formen und Materialien eingesetzt werden und konzeptionell auf die Steigerung der subjetiven Kontroll\u00fcberzeugung geachtet wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stressreduktion durch Gestaltung<\/strong><\/p>\n<p>Gestaltung kann dabei nicht nur darauf achten stressausl\u00f6sende Elemente zu vermeiden, sondern sie kann auch konkret\u00a0darauf abzielen Angebote zu erzeugen, die Stress aktiv reduzieren. Ein Beispiel stellt hierbei die <a href=\"http:\/\/www.natureandforesttherapy.org\/uploads\/8\/1\/4\/4\/8144400\/_the_restorative_environmnetkaplan-1992.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Attention Restauration Theorie von Kaplan und Kaplan&#8220;<\/a>, die betonen, dass eine sanfte Faszination (&#8222;soft fascination&#8220; ) etwa durch den unmittelbaren Kontakt zur Natur stressreduzierende Wirkung haben kann. Gestalterische Elemente, die in diesem Sinne ein zweckfreies Interesse hervorrufen, also Besch\u00e4ftigung ohne Leistungsdruck provozieren, k\u00f6nnen somit einen positiven Einfluss auf den individuellen Stresslevel haben. Umfassend wird dieser Ansatz auch im &#8222;biophilic Design&#8220; verfolgt <a href=\"http:\/\/archnet-ijar.net\/index.php\/IJAR\/article\/download\/436\/352\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(z.B. Ryan et al., 2014)<\/a>. Dabei werden nat\u00fcrliche Elemente unmittelbar in den Entwurf eingebunden oder durch abstrahierte gestalterische Zitate (z.B. Muster) darauf verwiesen. Zahlreiche Studien zeigen eine stressreduzierende Wirkung nat\u00fcrlicher Elemente (z.B. visueller Bezug zu Wasser, abwechslungsreiche Flora, usw.). Im therapeutischen Setting wird dies z.B. durch sogenannte &#8222;Healing Gardens&#8220; etwa in Krankenh\u00e4usern eingesetzt, um den Therapieverlauf positiv zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Eine etwas komplexere Herausforderung stellt der Versuch dar, durch konzeptionelle gestalterische L\u00f6sungen effektiv Stress zu reduzieren, indem etwa stressreduzierendes Verhalten stimuliert wird. Ein solches Beispiel aus der virtuellen Welt stellen Apps dar, die \u00dcbungen zur Meditation oder Achtsamkeit anleiten und durch Werkzeuge wie Gamification motivieren diese \u00dcbungen dauerhaft zu betreiben. Auch die gestalterische Inszenierung und das Redesign alter Technologien kann einen derartigen Effekt erzielen. So kann der Trend zu Schallplattenspielern einen anderen, vielleicht auch bewussteren, Genuss von Musik erzeugen, der durch seine technischen Gegebenheiten mehr Zeit erfordert und dadurch entschleunigt. In beiden F\u00e4llen beeinflusst die Gestaltung das Verhalten und kann dadurch (gewollt oder zuf\u00e4llig) stressreduzierende Funktionen einnehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt eine Reihe von Umweltfaktoren, die sich positiv wie auch negativ auf die Gesundheit auswirken k\u00f6nnen. W\u00e4hrend Rauchverbote in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen und Altersbeschr\u00e4nkungen bei alkoholischen Getr\u00e4nken f\u00fcr die Risiken mit gesundheitsgef\u00e4hrdenden Stoffen sensibilisieren, bleibt Stress eine weitgehend untersch\u00e4tzte Gr\u00f6\u00dfe in der gesundheitlichen Pr\u00e4vention. 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