{"id":438,"date":"2017-04-22T20:08:42","date_gmt":"2017-04-22T20:08:42","guid":{"rendered":"http:\/\/empirische-designforschung.de\/?p=438"},"modified":"2017-04-22T20:08:42","modified_gmt":"2017-04-22T20:08:42","slug":"die-digitalisierung-der-fitness","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gesunde-gestaltung.de\/en_us\/trends-und-entwicklungen\/die-digitalisierung-der-fitness\/","title":{"rendered":"Die Digitalisierung der Fitness"},"content":{"rendered":"<p>Vor etwa zwei Wochen konnte man auf der FIBO2017, einer der bedeutendsten Messen der Fitness-Branche, wieder die neuesten Trends und Produkte aus den Bereichen Fitness, Wellness und Gesundheitsf\u00f6rderung begutachten. Wie sooft auf Messen war nicht alles, was gl\u00e4nzte, auch Gold und so entpuppte sich die ein oder andere Produkt- oder Trainingsneuheit als alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen oder schlicht der Versuch am aktuellen globalen Fitnesstrend mitzuverdienen. Was sich jedoch bei einigen etablierten Herstellern unterschiedlichster Produktgruppen zeigte, war die fortschreitende Digitalisierung des gesamten Themengebietes. W\u00e4hrend im medizinischen Kontext sowohl Anwender als auch Nutzer aus Sorge um den Datenschutz mit Konzepten wie der digitalen Patientenakte oder medizinischen App-Diensten noch sehr zur\u00fcckhaltend agieren, geht die Fitnessbranche hier gro\u00dfe Schritte.<\/p>\n<p>Hierbei geht es nicht alleine um den Activity-Tracker, der meine Daten per Cloud-Verbindung auf mein Smartphone oder Webdienst l\u00e4dt und mir so im Sinne des &#8222;Quantified Self&#8220; eine quantitative Auswertung meines k\u00f6rperlichen Zustandes erm\u00f6glicht (oder mir\u00a0dies zumindest suggeriert). Das Fitnessstudio der Zukunft beispielsweise geht hierbei einen ganzen Schritt weiter. Durch massive Vernetzung von Trainern, Kunden und anderen Anbietern verschwinden die Grenzen zwischen physischen Trainingsraum und dem Alltag. Nicht nur sind die Trainingspl\u00e4ne und Fortschritte sowohl vom Trainer als auch vom Trainierenden jederzeit mittels App abrufbar, sondern auch das Training selbst wird durch komplexe Analysem\u00f6glichkeiten weiter technisiert. Dabei greifen einige Studios auf Trainingsger\u00e4te zur\u00fcck, deren Einstellungen und Widerstandswerten ebenfalls nach einer Registierung durch den Nutzer (z.B. mittels Transponder) voll automatisch ermittelt werden. Auch diese Trainingswerte (Trainingsverhalten, Dauer, Leistung usw.) werden gesammelt und stehen vor allem f\u00fcr den Trainer zur weiteren Auswertung zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Big Data und der freie Konsument<\/strong><\/p>\n<p>Damit erreicht auch die Gesundheitsbranche einen Trend, der in den deutschen Warenh\u00e4usern und Superm\u00e4rkten bereits zum Alltag geh\u00f6rt. So erkaufen Nutzer \u00fcber ihre Rabattkarten Pr\u00e4mien oder geringf\u00fchige Preissenkungen mit ihren pers\u00f6nlichen Daten zum Einkaufverhalten. Dabei ist &#8222;Big Data&#8220; der gro\u00dfe neue Markt f\u00fcr viele Experten aus Feldern wie dem Neuromarketing. Die F\u00fclle an Daten erm\u00f6glichen es n\u00e4mlich dank ausgefeilter Algorythmen ein \u00e4u\u00dferst exaktes Bild der verschiedenen Nutzergruppen zu skizzieren. Beim Anblick der Reichweite, des Umfangs und der Nachhaltigkeit der Datenerhebung w\u00fcrde sicherlich jeder Sozialwissenschaftler in Bezug auf seine klassischen Befragungen mit den Ohren schlacken.<\/p>\n<p>Und genau hier ist das gro\u00dfe Potential und ebenso die enorme Gefahr in der Digitalisierung der Fitnessbranche zu sehen. Zum einen k\u00f6nnen durch die vernetzte Datenerhebung Trainingspl\u00e4ne effektiver gestaltet und motivationale Anreize pr\u00e4ziser gesetzt werden. Mit Strategien wie der Gamification oder dem Einsatz sozialer Dynamiken k\u00f6nnen so Trainierende nachhaltiger und effektiver motiviert werden und gleichzeitig lehrreiche Informationen \u00fcber ihren K\u00f6rper und die Trainingseffekte erhalten. Wie User-Experience-Experten schon langen bekannt ist, bewirkt nicht zuletzt die Einfachheit, die in der Nutzung derartiger vernetzter Technologien liegt, den intensiven Gebrauch dieser. Andererseits er\u00f6ffnet sich hierbei ein weiterer Bereich des Privatlebens, in dem der Nutzer zum transparenten Individuum wird. Offen bleibt dann die Frage, f\u00fcr welche Zwecke diese Transparenz genutzt werden kann. So er\u00f6ffnet sie zun\u00e4chst enorme M\u00f6glichkeiten, um Nutzern bestimmte Produkte und Dienstleistungen in der strategisch g\u00fcnstigen Situation anzubieten. Dabei gilt, dass mit zunehmender Datenflut die St\u00e4rke dieser Vermarktungsstrategien zunimmt. An dieser Stelle sei damit jedoch nicht die Digitalisierung der Fitnessbranche per se kritisiert, sondern vielmehr darauf hingewiesen, dass die technologischen Entwicklungen gro\u00dfe Potentiale mit sich bringen, die sowohl von Anwendern als auch von Kunden kritisch reflektiert werden sollten.<\/p>\n<p>Komplexer wird dieser Sachverhalt in einem mittelfristigen Szenario, indem die Daten aus dem Fitnessbereich auch im medizinischen Kontext etwa von Krankenkassen genutzt werden. Auch hier zeigt sich einerseits das Potential durch eine Art der empirischen Qualit\u00e4tskontrolle Trainingsprogramme und Aufkl\u00e4rungskampagnen pr\u00e4zise zu evaluieren. Andererseits ist in diesem System die gef\u00e4hrliche M\u00f6glichkeit ebenso enthalten durch die Transparenz Versicherungsleitungen an den Bem\u00fchungen der Versicherten selbst auszurichten und somit den Kerngedanken des Solidarit\u00e4tsprinzips zu brechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verantwortung der Gestalter<\/strong><\/p>\n<p>Aus einer systemischen Betrachtungsweise zeigt sich am Beispiel der Digitalisierung der Fitnessbranche, dass die Konzeption und Gestaltung neuer Entwicklungen meist komplexe Wirkmechanismen mit sich bringt, die sowohl enorme Vor- als auch Nachteile beinhalten k\u00f6nnen. Gute Gestaltung bedeutet in diesem Kontext auch diese Wirkungen im Entwurfsprozess zu ber\u00fccksichtigen. Denn es ist\u00a0nicht nur die Grundkonzeption dieser Digitalisierung, die das Gesundheitsverhalten (und Konsumverhalten) beeinflusst, sondern auch die konkrete gestalterische Umsetzung. Daraus er\u00f6ffnen sich Fragen wie: Welche Informationen werden wie wem in welcher Form wann pr\u00e4sentiert? Hier ist sowohl die handwerkliche und wissenschaftliche Qualit\u00e4t des Design als auch eine ethische Reflexion der Gestaltung gefragt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor etwa zwei Wochen konnte man auf der FIBO2017, einer der bedeutendsten Messen der Fitness-Branche, wieder die neuesten Trends und Produkte aus den Bereichen Fitness, Wellness und Gesundheitsf\u00f6rderung begutachten. Wie sooft auf Messen war nicht alles, was gl\u00e4nzte, auch Gold und so entpuppte sich die ein oder andere Produkt- oder Trainingsneuheit als alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen oder schlicht der Versuch am aktuellen globalen Fitnesstrend mitzuverdienen. Was sich jedoch bei einigen etablierten Herstellern unterschiedlichster Produktgruppen zeigte, war die fortschreitende Digitalisierung des gesamten Themengebietes. 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